Wasch mich, aber mach mich nicht nass?

Vonsachseninsitut

Wasch mich, aber mach mich nicht nass?

Wer sucht es nicht: das Hilft-Immer-Kraut, den Trick 17, Tipps und Lösungen? Aus dem Wunsch nach schnellen, unkomplizierten Lösungen in vielen Bereichen unseres (Berufs)Lebens, etablierte sich über Jahrzehnte eine gewisse „Psychoszene“ in Training und Coaching.

Kennen Sie die Ansätze des „Positiven Denkens“ der Tschakka-Typen, die postulieren: „Schaue früh in den Spiegel, lächele dich an und rufe: „Ich schaffe das!“? Nun ja, wenn ich früh in den Spiegel schaue, drücke ich Zahnpasta auf meine Zahnbürste, zähle neue Falten und überlege, ob in der Küche das Teewasser schon kocht. In gefüllten Hallen versprechen immer noch Gurus den schnellen Erfolg, Menschen steigen auf Stühle, vollführen gemeinsam La-Ola-Wellen und wundern sich, warum ihr Chef immer noch so blöd ist, nachdem sie die Halle verlassen haben. Mit positiven Denken müsste er doch netter geworden sein? Nein, das ist nicht 90er-Jahre-Style! Diese „Trainer“ gibt es noch immer!

Kennen Sie die tausenden Persönlichkeitsanalyseverfahren wie MBTI oder DISG? Schublade auf, Mensch rein. Ich bin ENFJ und du bist ISTJ. Ich kannte einen Geschäftsführer, der trug sein MBTI-Profil wie ein Namensschildchen am Anzug und verlangte von seinen Mitarbeitern: „Ich bin dieser Typ! Stelle dich auf MICH ein! Wenn der Umgang mit mir schief geht, bist du schuld!“ Welche erfrischende Arroganz! Profile über Profile werden bestimmt und strotzdem geht die Kommunikation im Team oder zu Hause schief? Wann haben Sie zuletzt die Validität dieser Verfahren überprüft?

Kennen Sie Organisationsaufstellungen? Wie weit steht Monika von Wolfgang entfernt? Wer steht dazwischen? Was sagt das über deren Zusammenarbeit aus?

Kennen Sie Graphologie? Die Unterlängen des Buchstabens „g“ geben Auskunft über Ihr Sexualleben. Das glauben Sie nicht! Doch, das ist psychologisch erwiesen!

Haben Sie mir schon einmal im Sinne des NLP oder der Suggestopädie fest in die Augen geschaut und über Nacht alle Vokabeln gelernt oder den schwierigen Verhandlungspartner mit Ihrer Augenbewegung zu einem anderen Angebot bringen können?

Vielleicht schwitzen Sie auch gerade beim Hot-Yoga, führen die fünf Tibeter aus oder eine esogetische Farbpunktur durch? Sind Sie Bachblütler?

Wenn Sie jetzt schmunzeln müssen, hätte ich mein Ziel erreicht, denn lassen Sie auch Ihre Unternehmensbilanz auspendeln oder buchen einen Schamanen, bevor Sie die Excel-Tabelle erstellen? Überall dort, wo 3*3 nicht gleich 9 ist, wo wir differenzierter, bedachter und gut vorbereitet vorgehen müssen, vertrauen wir allzu schnell Experten, die manchmal keine sind.

Hinzu kommt unsere Testgläubigkeit, auch BARNUM-Effekt in der Psychologie genannt. Der Zirkusdirektor Phineas Taylor Barnum hatte einst das Erfolgskonzept, das auf dem Motto beruhte: „Ein bisschen für jeden!“ So zeigte er in seinem Kuriositätenkabinett sehr unterschiedliche und erstaunliche Dinge. Der zweite Grund für die Benennung der Testgläubigkeit nach ihm war sein Ausspruch: „Jede Minute wird ein neuer Trottel geboren“. Nun stellen Sie sich vor, ein Guru im weißen Kittel verliest vor Ihnen eine Beurteilung, die folgendermaßen beginnt: „Sie brauchen unbedingt Menschen um sich, die Sie mögen und bewundern. Sie verfügen über ungenutzte Fähigkeiten, die Sie nicht zu Ihrem Vorteil nutzen. Obwohl Sie einige persönliche Schwächen haben, sind Sie im allgemeinen in der Lage, diese auszugleichen…“ usw. usf. Nicken Sie heimlich? Trifft das auf Sie zu? Sind Sie „Jedermann“, der Barnumsche Trottel? Bitte beachten Sie, dass es noch andere „Jedermanns“ gibt, z.B. den in Salzburg, gerade von Lars Eidinger meisterhaft gespielt.

Bitte stellen Sie sich vor, die oben erwähnten Verfahren, die immer nach dem Prinzip funktionieren: „Es nützt nicht viel, schadet aber auch nichts.“ wenden Sie in Ihrem Unternehmen an. Alle werden zufrieden sein, keinem wird weh getan. Niemand wird an- oder aufgeregt. Bringen sie dann Entwicklung? Helfen sie Lösungsansätze zu erstellen? Wohl nicht. Sie helfen jedoch, die vermeintlichen Experten etwas reicher zu machen.

Vertrauen Sie den Fachlebensläufen derer, die Sie buchen? Welchen? Werden Sie und Ihr Team zur Reflexion und Metareflexion angeregt? Welcher Methodenmix wird Ihnen wozu geboten? Hinterfragen Sie Angebote, Erfahrungen und Qualifikationen von Coachs und Trainern!

Malen Sie gerade bei Vollmond ein Mandala aus, um Ihren Zorn über diese Worte zu besänftigen? Malen Sie weiter! Es ist psychologisch erwiesen, dass Sie bei Neumond über die Linien kritzeln werden.

 

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